tschüss ebse, dein veit-ulrich

ich nannte ihn ebse. besser: ich durfte ihn ebse nennen.

er sprach mich als veit-ulrich an. ebse und hermann scheer waren die einzigen, die das so hielten. ein paar wenige, der begnadete schrauber und trinker märte, auch mein dhl-bote darunter, sagten und sagen ulrich zu mir. der rest meines mikrokosmos‘ heisst mich veit, dicker oder schmierfink.

als hermann starb, rief mich meine schwester an. sie wollte nicht, dass ich es aus den nachrichten erfahre. grad hat mich mein freund jürgen angerufen. er wollte nicht, dass ich es auf der vorletzten seite der zeitung lese. gestern morgen um neun ist ebse gestorben. abgemagert, selbständig im kopf, körperlich am ende. „ich will nicht mehr“, hat er jürgen vor ein paar tagen gebeichtet. ich hab ebse nicht mehr gesehen. ich wollte und wollte. fand dann doch einen grund, den besuch aufs nächste mal zu verschieben. an den friedhof als treffpunkt hatte ich dabei nicht gedacht.

jürgen und ebse haben mich sozialisiert. als skatspieler, als trinker, als ex-trinker. sie haben mir vorgelebt, dass herkunft, geld oder bekanntenkreis nichts zu tun haben mit dem, was wir vielleicht als würde, respekt, auch freundschaft oder treue beschreiben.

als wir zum letzten mal zusammen sassen, haben wir nicht gereizt. die einzigen karten, die auf dem tisch lagen, waren die speise-karten. obwohl wir auch ohne wussten, was wir wollten.

wie es veteranen so machen, haben wir über unseren krieg gesprochen. über unser leben mein ich, das halt oft auch was mit krieg zu tun hat. wir sind die namen unserer kameraden aus den kaschemmen durchgegangen. schon damals, schätzt die erinnerung, neigte sich der waage zeiger den toten zu. denen, die wir zurückgelassen hatten im feld.

vielleicht wollten wir nicht über die toten reden. eher über den tod. aber das fällt oft ebenso schwer, wie über die liebe zu sprechen. vielleicht mussten wir das auch gar nicht. aus der art und weise, wie wir übers ableben anderer sprachen, wurde schon deutlich, welches sterben wir uns für uns wünschen. und wenn ich mich richtig zurück erinnere, hatte jeder vorm tod ebenso wenig angst wie vor dem eigenen grand mit den ersten zwei und vier assen. dass er keine angst vor dem sterben hat, hat keiner von uns dreien behauptet. wär wohl auch geschwindelt gewesen.

auch wenn er die schnauze voll hatte vom leben, der ebse hätte sich sicher ein anderes sterben gewünscht. jürgen und ich, die paar anderen, die geblieben sind, haben ihm dieses bessere sterben ebenfalls gewünscht. wohl in der selbstsüchtigen hoffnung, dass es auch uns vergönnt sein möge.

ebse, der mir jeden fehler beim karteln unbarmherzig um die ohren schlug („sonst lernst du es nie“), der auch ohne falsche rücksicht ausrechnete und kassierte, was ihm dieser fehler wegen an mark und pfennigen zustand, hat seit jahrzehnten kaum ein heimspiel der stuttgarter kickers verpasst. als es die blauen aus versehen mal ins endspiel um den dfb-pokal spülte, war ohne worte klar, dass er und jürgen deswegen nach berlin fahren würden. das kürzel vfb hab ich ebse nie aussprechen hören.

jetzt muss ich schauen, dass ich rechtzeitig an ein kickers-trikot in meiner grösse komme. ebse wäre mir ob jeder farbe sicher nicht böse, wenn’s nicht gerade rot ist. aber ein blaues leibchen, das wird ihn freuen. und dass just zu der stunde, in dem ebse sich vom spielfeld des lebens verabschiedete, droben auf der waldau die haupttribüne abgerissen wurde – das hat ja schon ein bisschen was von mehr als zufälliger symbolik.

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4 Kommentare zu tschüss ebse, dein veit-ulrich

  1. Olaf sagt:

    Wenn ich mal dereinst dahingegangen sein werde, dann wünsche ich mir, dass jemand so über mich spricht, wie Du über Ebse.

    Wie ein wahrer Freund.

    Ich denke an Dich mein Bester. Und an Ebse. Den ich leider nie kennen lernen konnte.

    • wenn du deiner frau nicht versprochen hättest 80 zu werden, würde ich mich ja andienern. einer wie du – das wäre ein grosser trauer-spass. aber wenn ich’s richtig sehe, brauchst du noch ein fernrohr, um den 50. zu sehen. ich kann meinen 60. gar schon mit der lesebrille erkennen. alsdenn: er muss umgekehrt begangen werden, der trauerspass. du schreibst über mich. das einzige, was ich dran auszusetzen hätte, wäre, dass ich es nicht mehr lesen kann. ich bin mir sicher: da würde mir was entgehen.

  2. Udo P. sagt:

    … wie Jürgen es mir vorgestern nacht am Telefon sagte: Nun sitzt er bald am langen Tisch. Bei den anderen. Zu früh ist er Märde gefolgt, der es auch nicht erwarten konnte. Nach Bruno, nach Harry und und Eugen und noch einigen Freunden und Kumpeln. Die „Einschläge“ kommen näher und die Reihen lichten sich unter denen, die im 7. Lebensjahrzehnt ihre Zeit noch fristen.

    Eine rauhe, aber herzliche Sprache haben wir untereinander gepflegt: Seine Begrüssung war stets: Na, du altes Makkadam-A-……, weil ich in meinem Job mit Asphalt zu tun hatte.
    Was ich im Gegensatz zu allen anderen nicht gemacht habe, war das Skatspielen mit ihm. Darin war er ein Meister des 10. Dan. Aber wir haben gern einen miteinander getrunken – diese kleinen bitteren Patronen. Bis ich dann irgendwann damit aufhörte; denn das persönliche Fass war leer irgendwann.

    (Zu Veit-Ulrich habe ich einen guten zeitlichen Abstand habe, komme daher möglicherweise in den „Genuss“ eines adäquaten Nachrufes, wie Olaf es meint. Es möge allerdings noch eine Weile dauern …)

    Ebs, mein Freund: Gute Reise – am langen Tisch sehen wir uns irgendwann … – zwangsläufigerweise.

  3. Pingback: …auf ein Wort oder mehr! » Blog Archive » Ebs ist gegangen

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