wer nicht einmarschieren will, muss dass system ändern

Sicher wiederhol ich mich. Vermutlich widerspreche ich mir auch selbst. ums kurz zu machen: ja, ich bin für den einsatz. Schicken wir truppen in den irak. Stationieren wir unsere eh auf verteidigung getrimmten armeen (wer glaubt’s eigentlich noch?) in der ukraine. Wenn wir schon dabei sind, ziehen wir gleich auch gen bagdad. Das alles aber, bittschön, fein vom boden aus. Aus der luft ist verboten. So wie künftige waffenlieferungen untersagt sind.

Fangen wir von hinten an. Bei den waffenlieferungen. Die erfahrung zeigt, dass waffen, die in krisenherde verkauft oder verschenkt werden, ausser kontrolle geraten. Freunde von heute – taliban, saddam, IS, auch gaddhafi war einer, vom chaos in ex-jugoslawien ganz zu schweigen – sind die feinde von morgen. Also gibt’s keinen grösseren widersinn, als irgendeine partei irgendeines bürgerkriegs aufzurüsten. Wann lernen die das endlich?

Aus der luft – nein. Diese art klinischer oder chirurgischer kriegsführung, oder wie immer das verniedlicht wird, bringt nichts. Mit jedem krankenhaus, das kollateral aufgelassen wird, steigt der hass. Gleich, auf welcher seite. Mit jeder hochzeitsfeier, die versehentlich in einem blutbad endet, werden neue selbstmordattentäter rekrutiert. Mit jeder drohne, die eine lebensmittelfabrik, eine schule, eine lebenswichtige verbindung zerstört, wächst die bereitschaft, gegen den aggressor anzugehen. Mehr als das leben kann’s nicht kosten. Das hat nicht nur vietnam gezeigt. Wann lernen die das endlich?

Also müssen sie am boden rein. Die seals, die marines, die deutschen geheim-soldaten aus calw und sonstwo. Gezielt vorgehen, gegen die menschen in den bunkern, den höhlen, den bergen. Nicht gegen menschen, die im niemandsland zwischen leben und tod keine vorstellung mehr von zukunft besitzen. Diesen menschen bringen wir bücher mit. Wir bilden lehrer aus und ärzte. Saatgut, landwirtschaftliche geräte liefern wir. Keine waffen. Natürlich auch technik, elektronik. Die menschen dort sind nicht dümmer als wir. bloss gestrafter. Nur menschen, die ein lebenswertes ziel besitzen, werden ihr leben als zu wertvoll erachten, um es in einer sprengstoffweste zu verschleudern. Oder in einem krieg. Auch das leben ihrer kinder wird keine vergeudenswerte ware mehr sein. Wann lernen die das endlich?

Dass in solch einem bodenkrieg auch die befreier ihr leben lassen? Natürlich. Das ist krieg. Ihr habt es so weit kommen lassen. Und die währung für krieg ist seit menschen-gedenken blut. Wann lernen die das endlich?

***

Diese lösung gefällt dir nicht? Zu blutig, zu unmenschlich? Nun, da gibt’s noch eine zweite lösung. Geld entscheidet, wie wir gesehen haben, keine kriege. Aber kriege beginnen mit geld und werden mit geld geführt. Legen wir also die geldquellen lahm. Verzichten wir auf öl aus saudi-arabien, auf gas aus russland. Sperren wir die konten der oligarchen und der prinzen im ausland. Wenn wir schon dabei sind, schliessen wir ihnen die landeplätze für ihre privatmaschinen am tegernsee, wenn die adelssprosse und ihre konkubinen mal wieder der heimlichen chefarzt-behandlung, gerne auch in schönheitskliniken, bedürfen. Wenn die zu uns wollen, sollen sie doch asyl beantragen. wie andere sterbliche auch.

Wir wollen doch eh den energiewandel – sollen die saudis ertrinken in ihrem öl. Für den übergang hält uns der stoff aus dem nordatlantik warm und die amis haben eh die grössten reserven.

Die arme rüstungsindustrie? Soll windräder schmieden und turbinen für wasserkraftwerke. Die militärische intelligenzia darf sich mal einen zivilen kopf machen. Hinterlässt spätestens beim lebensrückblick auf dem sterbebett ein besseres gewissen.

Geht nicht, sagst du? Bricht doch das ganze wirtschaftssystem zusammen? Ja natürlich. Das 21. Jahrhundert, haben sie feierlich und von den eigenen guten vorsätzen zu tränen gerührt, versprochen, soll das jahrhundert des friedens werden. Nach einem 20. Jahrhundert, das uns bei weitem mehr völkermord, militärische pest und sinnlosen tod gebracht hat als in den beiden weltkriegen. Ich korrigiere: nicht das jahrhundert hat es uns gebracht. Wir, die menschen, haben es dem jahrhundert gegeben.

Glaubst du im ernst, dass ein wirtschaftssystem, das kriege in kauf nimmt, finanziert und liebt, weil sie gewinne auch in friedenszeiten versprechen, als wirtschaftssystem für ein friedenszeitalter taugt? Marktwirtschaft ist eine verniedlichung für kapitalismus. Kapitalismus ist ein anderes wort für den verlust humanistischer ideale, für die freie wahl erpresserischer mittel, für das, was wir vor 40 bis 50 jahren als politischen und ökonomischen imperialismus weg-skandieren wollten. Globalisierung? Ich hau mich weg. Die genehmigung zur ausbeutung der dritten welt ist das. Gegebenenfalls mit militärischer unterstützung.

Ein wirtschaftssystem also, dem’s so richtig gut geht, wenn aufgerüstet und krieg geprobt wird (in einem anderen land, versteht sich), kann kein system für ein friedensjahrhundert sein. Wenn wir dran festhalten, wird das 21. Jahrhundert rückblickend zum jahrhundert der selbstzerstörung. Falls es so was wie geschichtsschreibung dann noch gibt.

Und statt dessen, lächelst du mit der überheblichkeit des eindimensionalen? Statt dessen: wir produzieren das, was wir brauchen. An lebensmitteln, an energie, an kultur. Keine waffen mehr – seit der erfindung des steinkeils wurde mit waffen kein einziges menschheits-problem tatsächlich, endgültig und nachhaltig gelöst.

Schaffen wir uns unsere ökonomische autonomie. Wenn jeder hat, was er braucht, wird’s keinen mehr geben müssen, der mehr bekommt. Wir müssen keine grenzen mehr ziehen, die uns menschen vom hals halten. Weil diese menschen ebenso autonom leben dürfen. So sieht sie tatsächlich aus, die vielzitierte bekämpfung von fluchtursachen.

***

Hirngespinste, sagst du? Zusammengestückelte überbleibsel eines schlechten traums? Eiterfluss eines kranken geistes gar? Kein problem. Leg schon mal die wintersachen für den einsatz unserer jungs in der ukraine aus. Auch im irak soll’s gelegentlich recht kalt werden. Aber wie gesagt, nur mit den armeestiefeln fest am boden. Sonst wird das nichts. Wenn’s stimmt, dass das fluggerät der bundeswehr zum einsatz grossteils eh nicht taugt, scheinen sie wenigstens das gelernt zu haben.

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4 Kommentare zu wer nicht einmarschieren will, muss dass system ändern

  1. Olaf sagt:

    Analyse, Lösung, Konsequenz. In diesen paar Zeilen steht das Rezept für eine Utopie, die nur deshalb eine Utopie ist, weil unsere Spezies so unsagbar bescheuert ist. In Deinen Gedanken gibt es keinerlei Haken, wenn sich der Geist traut auf Reisen zu gehen. Chapeau! Ich verneige mich vor Dir.

    Allein: was Du so kurz auf den Punkt bringst wird nicht möglich sein. Weil es zu viele Leute gibt, die am Bestehenden profitieren und Utopien deshalb nicht leiden können. Und weil es noch viel mehr Leute gibt, denen das alte und bekannte Schlechte lieber ist, als das neue und unbekannte Gute. Ihnen fehlt es vor allem an Vorstellungskraft.

    Von Mechanismen und Erwartungen getrieben, rammeln sie durch die Hamsterräder unseres so hoch propagierten Gesellschaftssystems, um sich – Achtung jetzt kommt ein Karton – mit Geld, was sie nicht haben, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, damit Leute beeindruckt sind, die sie nicht leiden mögen. Für ein Smartphone und ein bisschen Status verkaufen die ihre Großmutter – und wenn es sein muss auch sich selbst. Zum Nachdenken und Hinterfragen haben diese Menschen keine Zeit.

    Ich warte ja schon seit Jahren darauf, dass sich die Banker mal wieder aus ihren Türmen stürzen und ein paar Tycoone und Politiker an Straßenlaternen baumeln. Ja, ich weiß, das klingt hart, unmenschlich und so gar nicht pazifistisch.

    Aber wegen diesen Leuten beißen jeden Tag tausende, vermutlich zehntausende Menschen jämmerlich ins Gras. Und das sind keine Wünsche. Das sind reale Morde. Sponsored by Waffenindustrie.

    • Udo P. sagt:

      Allons, mes enfants – an die rostige Laterne – im übertragenen Sinne; zumal die Laternen heutzutage zu hoch sind.

  2. Udo P. sagt:

    [ Wenn jeder hat, was er braucht, wird’s keinen mehr geben müssen, der mehr bekommt.]

    Ich gestatte mir, das zu bezweifeln! Innewohnt vielen, den meisten Menschen, die Gier. Nach MEHR, als der Andere hat. Die Menschen werden es nicht, niemals, verinnerlichen:

    “Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.”
    Antoine de Saint-Exupéry

    Und so bitter wie es klingt, ist es: Stichwort: Bodenoffensive’: Es GEHT nur zu Fuss! Im Abstand von 5 m.

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