Wir lassen uns unsere Krise nicht nehmen

„Wir zerbrechen uns den Kopf über die psychischen Folgen, die es für ein Kalb hat, wenn es zu früh von der Mutter getrennt wird, während wir zugleich behaupten, das Töten von Kindern im Nahen Osten sei eine vom Völkerrecht gedeckte Kriegshandlung. Die Empörung über das Leid, das Hühnerküken angetan wird, ist riesig. Doch angesichts von menschlichem Elend zucken wir mutlos mit den Schultern. Ist nicht schön, sagen wir, aber was soll man machen, war leider schon immer so im Nahen Osten.“

Elisabeth Raether / Die Zeit

 

Es weihnachtet. Sehr. Immer noch reden wir von Flüchtlingen. Und der damit einhergehenden Krise. Es ist – gefälligst – unsere Krise. Nicht deren. Wir lassen uns unsere Krise von denen nicht nehmen.

Ein Sonderschullehrer bestand im Gespräch zurecht darauf: „Es gibt keine „Behinderte“. Es gibt nur behinderte Menschen.“ Geflüchtete, in die Flucht getriebene, verjagte, vefolgte Menschen kennt der aktuelle Sprachgebrauch nicht. Allenfalls vertriebene Menschen. Die kommen in der Regel zwar aus dem Osten, aber nicht dem Nahen. Sie pflegen ihre Flüchtlingskrise häufig in des Wortes mehrfachem Sinne ebenso wie unter nationalem Gesichtspunkt. Wobei „national“ auch die theologische Orientierung, die Hautfarbe und die präferierte Kopfbedeckung umfasst.

Die Nationalsozialisten, beschreibt der Historiker Timothy Snyder, propagierten dasUnmögliche, um nach dessen Scheitern das Radikale, das Entsetzliche, das Undenkbare zu realisieren: Die Idee, alle in Europa lebenden jüdischen Menschen in Madagaskar anzusiedeln, blieb unverwirklichte Idee. Woraus die Nazis das Recht ableiteten, diese Menschen zu ermorden. Millionenfach, Mensch für Mensch, schritten sie verwirklichend zur Tat. Weil anders nicht zu verhindern sei, dass der jüdische Bolschewik dem deutschen Herrenmenschen Geld, Land, Nahrung und kulturelle Werte raube. Die ganze Luft zum Atmen, quasi.

Aus Statistiken, aus semantischen Ableitungen solcher Begriffe wie „Obergrenzen“ oder „Reduzierung der Zugangszahlen“, aus Zahlen leiten Politik und Gesellschaft der Gegenwart das Scheitern der Idee von einer an humanitären Gesichtspunkten ausgerichteten Aufnahme geflüchteter Menschen ab. Es darf kein bisschen mehr sein. Und daraus ergibt sich das Recht, die geflüchteten Menschen zurückzuvertreiben. Ins Elend, ins Ungewisse, in den Tod. Weiter weg als unser Auge und unser Es-Wissen-Wollen reichen.

Noch hat uns keiner gesagt, auf welches Loch der Gürtel enger geschnallt werden muss, wenn Menschen, die zur Wahl zwischen Tod und Flucht gezwungen werden, auch im nächsten Jahr heerscharenweise um Einlass bitten. Schäuble glänzt haushalts-immernoch im Schein der schwarzen Null. Aber schon droht Seehofer mit der ewigen Solidaritätsabgabe, der Flüchtlingsmenschen wegen. So wurde weiland Stimmung gegen die Menschen aus dem Ossi-Osten gemacht. Dann muss das doch auch mit denen aus dem Morgenland-Osten hinhauen… Unterschwellig, heimtückisch und gemein. So machst du den Menschen zum Fest ein schönes Feind-Geschenk.

Ebenfalls erklärungsbedürftig, die Sache mit dem Familiennachzug. Wie kommt’s, dass Frau und Kinder dorten in Sicherheit sind, wenn es der Vater hier ist? Woher wissen die Schlächter des Islamischen Staats, wie erkennen Assads Schergen, dass sie diese Familie verschonen müssen, weil der Papa als Fluchtmensch im deutschen Winter friert und dass sie jene aber fröhlich metzeln dürfen, alldieweil die bevatert ums bisschen Leben bibbert. – Sie wissen es nicht. So wie es auch die Hand am Joystick nicht weiß, die die westliche Drohne übers zivile Krankenhaus steuert.

Ach ja. Es weihnachtet. Sehr und sehr vorübergehend. Wie schön, dass es Konstanten gibt, die den zweiten Weihnachtsfeiertag locker überstehen. Auch den im nächsten Jahr. Im übernächsten. Und sowieso.

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Ein Kommentar zu Wir lassen uns unsere Krise nicht nehmen

  1. Michael sagt:

    Manufacturing consent
    Is the name of the game
    The bottom line is money
    Nobody gives a fuck!
    Four thousand hungry children leave us per hour from starvation
    While billions are spent on bombs
    Creating death showers

    Boom! Boom! Boom! Boom!
    Every time you drop the bomb
    You kill the god your child has borne
    Boom! Boom! Boom! Boom!

    http://www.clipfish.de/musikvideos/video/2155829/system-of-a-down-boom/

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